Betonierte Planung

Die Menschen im Eichbühl haben recht: Sie werden Lärm und Abgasen der Westtangente geopfert, damit die davon noch mehr geplagten Menschen in Wollmatingen Linderung erfahren. Die Wollmatinger haben ebenso Recht, wenn sie die seit Jahrzehnten versprochene Entlastung erwarten. Und natürlich haben auch die Naturschützer recht, die zum Schutz europaweit einmaliger Naturgebiete manche bürgerfreundlichere Trasse verhindern. Es ist schlicht so: Für einen so kleinen Flecken voller Natur und Menschen sind zu viele Autos und Lastwagen unterwegs.

Die Schneisen der Verkehrslawine am Bodensee kann die beste Planung nicht mehr verdecken, auch wenn bei der Westtangente engagiert um Lärmschutz und Kurven für Schmetterlinge gerungen wird. Doch einen massenhaften Umstieg hin zu mehr Öffentlichem Verkehr wird es nicht geben, so lange diskutiert wird, ob für Autofahrer vor einer Ampel 43 Sekunden Wartezeit zumutbar sind oder nicht, doch eine weitere Betonrampe in Sichtweite des Bodenseeufers nötig ist. Bei einer Erörterung geht es ohnehin nicht mehr um Verkehrspolitik, sondern darum die Trasse möglichst verträglich in die Landschaft zu quetschen. Ein Sachzwang ergibt den anderen. Am Ende zählt auch für die selbst Auto fahrenden Bürger meist nur noch, dass Lärm und Gestank wenigstens ein wenig näher beim Nachbarn sind als bei einem selbst. Bei der Anhörung zur Westtangente forderte die Unterschriftenliste Eichbühl die Sperrung der Kindlebildstraße, was die Gruppe der Feuersteinstraße Ost ablehnte, weil der Verkehr dann dort landen würde.

Die Anhörung machte klar: Es wird noch um das ein oder andere Detail gerungen, aber die Planung steht. Die Westtangente gehört zum Verhandlungspaket B33neu, auf das sich Region und Regierungspräsidium mühsam geeinigt haben. Die Reichenauer pochen (wieder mal: mit recht) auf die Tangente. Sie soll die Waldsiedlung entlasten, wofür die Inselgemeinde ein halbes Autobahnkreuz vor ihrem Damm akzeptiert – für eine autobahnähnliche vierspurige B33, auf die vor allem Konstanz hofft. So ein Paket kann und will niemand mehr aufschnüren, man würde es nie neu gepackt bekommen.

Die Kehrseite dessen, dass alles mit allem verknüpft und verhandelt ist: Die Verkehrspolitik und -planung am Bodensee zwischen Allensbach und Konstanz ist für eine halbe Ewigkeit betoniert. Grundgedanke und Netzplanung sind schon heute eine Generation alt. Bis die B33neu fertig ist, wird noch einmal mindestens ein Jahrzehnt vergehen – wenn denn die Finanzierung läuft. Übrigens: Vorher nützt auch die schneller baubare Westtangente nicht viel. Erst wenn ihr Verkehr von der ausgebauten B33 aufgenommen wird, können Straßen wie die L220 zwischen Wollmatingen und Waldsiedlung verschwinden.

Es wird um das Jahr 2020 sein, bis das vor Jahrzehnten erdachte Verkehrskonzept für die Region umgesetzt ist. Nach Aussagen des zuständigen Verkehrsgutachters wird zu diesem Zeitpunkt das Aufkommen an Autos auf der B33 bereits sinken: allein von 2015 bis 2020 um fünf bis sechs Prozent. Als Grund gilt die in Deutschland schrumpfende Bevölkerung und die Altersentwicklung – Ältere haben seltener ein Auto und pendeln nicht täglich im Berufsverkehr. Nun hat die Wirklichkeit solche Prognosen oft widerlegt. Mag sein, dass die Asphaltschneisen einst bejubelt werden. Doch auch Klimawandel, Rohstoff-Knappheit und die Reaktionen darauf – sie sind dramatischer als einst erwartet. Es ist darum denkbar, dass heute ein Straßenkonzept für morgen erörtert wird, das nicht lange nach der Fertigstellung als Idee von vorgestern gilt – und als ein Sündenfall.

Quelle: SÜDKURIER, 14.07.2007

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